Schlafen, wenn die Kinder von der Schule nach Hause kommen. Arbeiten, wenn die Freunde auf dem Kiez feiern gehen. Für Menschen, die in Nacht- oder Schichtarbeit in der Industrie, bei der Polizei, im Krankenhaus oder im Call Center arbeiten, ist das Alltag. Und das mitunter über Jahre.

Schichtarbeit ist für die Gesundheit nicht zuträglich.

Im Gesundheitswesen kommt man um Schichtdienst nicht herum. (©istockphoto.com_ sudok1)

Nicht jeder Arbeitnehmer ist für Schichtarbeit gemacht. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom „healthy worker“–Phänomen: Diejenigen Arbeitnehmer, die über längere Zeit ohne gesundheitliche Einbußen im Nacht- oder Schichtdienst arbeiten, bringen konstitutionell besonders gute Voraussetzungen für den Job mit. Alle anderen hingegen haben über kurz oder lang mit negativen gesundheitlichen Folgen der Schichtarbeit zu kämpfen. Oder suchen sich eine Arbeit mit Arbeitszeiten, die der Gesundheit zuträglicher sind.

 

Arbeiten gegen die innere Uhr

Anders als man bei der hohen Adaptionsfähigkeit des menschlichen Organismus annehmen könnte, gewöhnt sich der menschliche Biorhythmus nicht an Nacht- oder Schichtarbeit. Der Wach- und Schlafrhythmus ist eine Konstante, die je nach Chronotyp leicht variieren kann, den Menschen dennoch aber zu jeder Zeit fest im Griff hat. So fährt der menschliche Organismus zum Beispiel mit abnehmendem Tageslicht wichtige Körperfunktionen im Takt der „inneren Uhr“ herunter.

Mit der Anpassung an die Tages- bzw. Nachtzeit verringert sich aber nicht nur die Leistungsfähigkeit des Arbeitnehmers. Auch das Unfallrisiko am Arbeitsplatz steigt in erheblichem Maße. In der Industrie ist es daher üblich, in den Nachtstunden möglichst einfache Arbeiten zu verrichten, die nicht die volle Leistungsfähigkeit oder Konzentrationsfähigkeit verlangen. Eine solche Arbeitsorganisation ist in der Notaufnahme oder auf der Wache natürlich nicht so einfach bzw. gar nicht möglich!

„Nachschlafen“ ist nur bedingt und befristet eine Lösung. Wer am Tag schläft, hat nicht nur mit der inneren Uhr, dem Tageslicht und Alltagsgeräuschen zu kämpfen, der Schlaf ist auch weniger tief als der Nachtschlaf und damit weniger erholsam für Körper, Geist und Seele. Gesundheitliche Einbußen lassen sich kaum vermeiden. Für Schichtarbeiter ist es daher besonders wichtig, auf die eigene physische und psychische Gesundheit zu achten.

 

Physische und psychische Folgeschäden

Zu den Symptomen und Krankheitsbildern, die eine Folge der Schichtarbeit sein können, gehören unter anderem:

  • Schlafstörungen
  • Nervosität
  • Abgeschlagenheit
  • Depressionen
  • Vitamin-D-Mangel
  • Essstörungen
  • Verdauungsprobleme
  • Vitamin-D-Mangel
  • Typ-2-Diabetes
  • Herz- und Kreislauferkrankungen

Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) sieht für Menschen mit Schichtarbeit alle drei Jahre – für Menschen über 50 alljährlich – eine arbeitsmedizinische Untersuchung vor, in der diese und andere Symptome und Krankheitsbilder abgeklärt werden können. Im Gespräch mit dem Betriebsarzt oder einem anderen Arzt können zudem psychosoziale Folgen der Schichtarbeit angesprochen werden. Wer arbeitet, wenn andere schlafen, und schläft, wenn andere arbeiten, hat es schwer, ein erfülltes Sozial- oder Familienleben mit wichtigen regenerativen Impulsen zu führen. Psychische Folgeschäden der Schichtarbeit wiegen mitunter genauso schwer wie physische Beeinträchtigungen.

 

Schichtarbeit & Arbeitsrecht

Um einer Chronifizierung somatischer oder psychosomatischer Beschwerden durch Schichtarbeit vorzubeugen, sollten die von Schichtdienst Betroffenen die ihnen gesetzlich zustehende arbeitsmedizinische Untersuchung auf jeden Fall wahrnehmen. Sollte der Arbeitgeber keinen Betriebsarzt stellen, ist das Unternehmen dazu verpflichtet, die Kosten für eine Untersuchung bei einem anderen Arzt zu übernehmen. Wenn eine Gesundheitsgefährdung durch Nachtarbeit festgestellt wird, hat der Arbeitnehmer nach dem Arbeitszeitgesetz sogar Anspruch auf einen Tagesarbeitsplatz.

Verstößt der Arbeitgeber wiederholt gegen die gesetzlichen Bestimmungen kann es Sinn machen, den Betriebsrat oder einen spezialisierten Arbeitsrechtsanwalt hinzuziehen. Der Betriebsrat hat beispielsweise ein Mitspracherecht bei der konkreten Gestaltung des Schichtdienstes und kann umfassend zum Arbeitszeitgesetz beraten. Bei einer Klage mit Vertretung durch einen Rechtsanwalt ist zu bedenken, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch ein Gerichtsverfahren belastet wird; soll diese Maßnahme ergriffen werden, gilt es entsprechend, wohlüberlegt und fundiert vorzugehen.

 

So können Unternehmen und Arbeitnehmer vorbeugen

Unternehmen können die Gesundheitsrisiken von Schichtarbeit durch eine arbeitnehmerfreundliche Gestaltung des Schichtplans minimieren.

Bei Schichtarbeit ist eine aktive Freizeitgestaltung besonders wichtig für die Gesundheit.

Wer in Schichtarbeit erwerbstätig ist, sollte seine Freizeit aktiv gestalten. (©istockphoto.com_ amyleighcook)

Dazu gehört zum Beispiel ein Schichtmodell mit kurzen Wechseln, Vorwärtsrotation – von Früh- zur Spätschicht und von der Spät- zur Nachtschicht – und eine Reduzierung der Nachtschichten auf maximal drei Nachtschichten pro Zyklus. Außerdem kann anstatt von Nachtzuschlägen ein erhöhter Freizeitausgleich gewährt werden, um den Arbeitnehmer längerer Regenerationsphasen zu ermöglichen. Schwierige Aufgaben oder Aufgaben, die eine hohe Konzentration erfordern, sollten, wenn möglich, in den Tagesschichten geleistet werden.

Aber auch die Arbeitnehmer können etwas zur Minimierung der gesundheitsschädigenden Folgen des Schichtdienstes tun. So ist eine ausgewogene Ernährung mit frischem Obst und Gemüse, Yoghurt und Vollkornbrot bei der Bewältigung des Schichtdienstes gegenüber Chips und Fast Food klar im Vorteil. Gleiches gilt für den Flüssigkeitshaushalt: Wasser und Kräutertee punkten hier gegenüber koffeinhaltigen Getränken und Soft-Drinks. Wird die Freizeit aktiv gestaltet – und nicht etwas ausschließlich vor dem TV oder dem PC verbracht – und zum Beispiel für Sport oder Familienaktivitäten genutzt, sind wichtige gesundheitsfördernde Bausteine im Leben verankert.

Erweist sich der Schichtdienst dann noch als gesundheitlich – physisch oder psychisch – nicht vertretbar, hilft nur ein Tagesarbeitsplatz. Das sollte jedem Arbeitnehmer die eigene Gesundheit wert sein.